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Schlagschrauber

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Sunday, December 5th 2010, 2:37pm

Man kommt auf seine Kosten im „Wilden Osten“!

Man kommt auf seine Kosten im „Wilden Osten“! Teil 1
… ein Erlebnisbericht über Calidus-Fliegen im Gebiet Oberhavel

Mein alter Fliegerkamerad Reinhard und ich hatten im Anschluß an den Münchner Stammtisch Ende November 2010 ein Arrangement mit unserem Maurice Hartmann ("Muckylixx"), zu seiner Flugschule (<!-- m --><a class="postlink" href="http://www.aerolight-flugschule.de/">http://www.aerolight-flugschule.de/</a><!-- m --> ) in den "wilden Osten" zu kommen und dort als die ersten Schüler auf seinem funkelnagelneuen Calidus zu trainieren:
o Reinhard im Rahmen seiner Umschulung von Fläche auf Gyro und
o ich als Calidus-Einzuweisender und jemand, der den periodisch zu absolvierenden Checkflug mit Fluglehrer durchzuführen hatte.

Reinhard und mich verbinden hunderte side-by-side Flugstunden, hauptsächlich im Alpenraum und während etlicher Fliegerurlaube in den Ländern rund ums Mittelmeer von Portugal bis Griechenland, und auch Nordafrika und die kanarischen Inseln haben wir gemeinsam mit Piper PA28, einmotorigen Cessnas aller Größen, einer Rockwell A112 RG und diversen Dimonas und Katanas im Laufe von über 25 Jahren erkundet.

Doch zuletzt entwickelten sich unsere fliegerischen Ambitionen in leicht divergierende Richtungen: Reinhard’s Herz schlägt für seine Pitts S2B, und mich hat der Tragschrauber-Virus und die Faszination zu meinem Baby, dem GyroTec DF-02 erwischt.
[attachment=0]<!-- ia0 -->P7030029.JPG<!-- ia0 -->[/attachment]Trotzdem führte uns uns unser Fliegerurlaub in Frankreich und in der Charente wieder zusammen, wo er – so wie ich vor einigen Jahren – die französische Lizenz für Ultraleicht-Tragschrauber erwarb. Jetzt sollte die deutsche Lizenz hinzukommen, damit wir in Zukunft nicht nur mit Flächenfliegern, sondern auch mit Tragschraubern Exkursionen planen können.

Leider verzögerte sich die Auslieferung von Maurice’s Calidus bis in die kalte Jahreszeit, und der Winter sollte genau an dem seit Monaten geplanten Wochenende Einzug halten. Nach dem Gyrocopter-Stammtisch in München führte uns der Weg am kommenden Morgen zuerst zum Flugplatz Strassham, wo mein DF-02 winterfest gemacht werden musste. Erst mittags setzten wir unsere Reise fort. Die Fahrt von München ins Oberhavelland erinnerte mich dann doch sehr an das Gedicht von Heinrich Heine aus:

..........Deutschland - ein Wintermärchen:

..........Im traurigen Monat November wars,
..........Die Tage wurden trüber,
..........Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
..........Da reist ich nach Deutschland hinüber. ...


Das mit dem trüben und garstigen Wetter stimmte zu 100%, aber das mit der Fliegerei und der Rest sollte doch noch ein kleines Wintermärchen werden!

Es wurde Abend an dem kalten Novembertag, doch uns erwartete ein netter Empfang zuhause bei Maurice: die Unterbringung war in den Zimmern der Pension Domäne, direkt am Hof von Maurice und seiner Mutter. Die Pension war nur mit uns belegt und damit praktisch fest in der Hand von 3 Tragschrauberpiloten: Joachim Zinke, dem Ausbildungsleiter, Reinhard und mir.
Bequem im Aufenthaltsbereich auf die Sofas gelümmelt hatten wir jederzeit jede Menge Gesprächsstoff. Und auch für das leibliche Wohl wurde hervorragend gesorgt. Die Mutter von Maurice trumpfte mit Spezialitäten der lokalen bürgerlichen Küche auf, die Portionen waren reichlich. Und dass es nicht zu reichlich war, ist nur der Tatsache zu verdanken, dass es so gut geschmeckt hat!

Am Sonntag Morgen in aller Früh ging es dann gemeinsam zum Sonderlandeplatz Kremmen / Hohenbruck ( <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.flugplatz-kremmen.de/">http://www.flugplatz-kremmen.de/</a><!-- m --> ). Von dort wollte Joachim Zinke, der Fluglehrer an Maurice's Flugschule, die D-MLIX nach Fehrbellin EDBF ( <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.funjump.de/ueber_uns/flugplatz_ruppiner_land">http://www.funjump.de/ueber_uns/flugplatz_ruppiner_land</a><!-- m --> ) im Alleinflug überstellen.
Obwohl es deutliche Minusgrade hatte und der Calidus nur in einer halboffenen Scheune untergebracht gewesen war, sprang der Rotax ohne das geringste Problem an und nach etwa 10 Minuten Warmlaufen konnten wir, bei eisigem Wind fröstelnd in zugereifter Wiese stehend, zusehen, wie Joachim über den gefrorenen Boden zur Piste holperte, sich die Maschine in den grauen Himmel erhob und bald unter tiefen Wolken am Horizont verschwand.

Also schnell ins warme Auto mit seiner Sitzheizung zurück, und über die überwiedend entweder im Bau befindlichen oder aber baubedürftigen Landstraßen nach Fehrbellin gesaust. Joachim war schon angekommen, doch da inzwischen auch Flugbetrieb in Bienenfarm, EDOI (<!-- m --><a class="postlink" href="http://www.flugplatzbienenfarm.de/">http://www.flugplatzbienenfarm.de/</a><!-- m --> ), möglich geworden war, und wir dort mit weniger Platzbetrieb rechneten, flog Reinhard mit Joachim von Fehrbellin aus nach Bienenfarm weiter. Und Maurice und ich im gut geheizten Auto hinterher …

Dort wollten wir uns etwa im 90-Minuten-Takt abwechseln: jeweils Reinhard oder ich würden den Calidus in der Platzrunde oder auch etwas darüber hinaus fliegen, je nach den Übungen, die wir absolvieren würden. Da ich nicht sofort dran war, war mein erster Eindruck vom Flugplatz Bienenfarm der eines hübschen Flugplatzrestaurants mit bequemen Sesseln, offenem Kaminfeuer, behaglicher Wärme, gutem Kaffee und den besten Königsberger Klopsen, die ich seit meiner Kindheit gegessen hatte (und das soll was heißen, denn meine Oma stammte aus der Umgebung von Königsberg).

Nach dem Mittagessen war endlich ich an der Reihe: mein erster Eindruck vom Calidus, dessen Äußeres ich sehr gelungen finde, war ebenfalls gut. Das Einsteigen ging auch bei einem mäßig sportlichen Menschen wie mir unproblematisch und das Platzangebot ist vollkommen ausreichend. Erst, als ich bei angelegtem Schultergurt an den Zündschlüssel greifen wollte, bemerkte ich meine zu kurze Reichweite. Mit der rechten Hand konnte ich den Zündschschlüssel gar nicht erreichen, wenn ich ihn mit der linken betätigte, musste ich das Gas mit der rechten Hand über Kreuz bedienen. Und dabei die Luft anhalten, um mich genügend vorbeugen zu können. Ich bin mir nicht sicher, ob mir nur mein Bauch im Weg war oder ob die Cockpit-Ergonomie auch bei beweglicheren Piloten ein Problem ist?
Der nächste Eindruck war wiederum gut: Das Handling dieser Maschine ist einwandfrei: präzise Lenkung, griffige, gut dosierbare Bremse, eine vergleichsweise leise Kabine. Allerdings konnte das Beschlagen der Plexiglashaube nur durch Rollen mit offenem Cockpit verhindert werden. „Cabin Door closed & locked“ gehört deshalb sicherheitshalber zweimal auf die Checkliste!

... Fortsetzung folgt ...
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"Es ist eine Kunst, sagt er, oder vielmehr ein Trick zu fliegen. Der Trick besteht darin, dass man lernt, wie man sich auf den Boden schmeißt, aber daneben."

Douglas Adams, aus: Das Leben, das Universum und der ganze Rest

Schlagschrauber

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2

Sunday, December 5th 2010, 2:41pm

Re: Man kommt auf seine Kosten im „Wilden Osten“!

Man kommt auf seine Kosten im „Wilden Osten“! Teil 2
… ein Erlebnisbericht über Calidus-Fliegen im Gebiet Oberhavel

... Fortsetzung ...

Mein erster Start ging auf die Piste 12, und wir nahmen uns ca. 500 m der zur Verfügung stehenden 850 m Graspiste. Joachim wies mich an, den Rotor nur auf ca. 220 RRPM zu beschleunigen („Wir schonen die Mechanik“), und so staunte ich über einen für mich trotz voller Motorleistung ungewohnt langen Rollauf bis zum Abheben. Alle Motorüberwachungsinstrumente im grünen Bereich, der Stick voll gezogen, und trotzdem brauchte es um die 200 m, bis die Nase des Calidus schlagartig nach oben ging. „Na endlich!“, dachte ich, und reagierte in etwa mit den gleichen Ruderausschlägen wie bei einem Magni M16 oder meinem DF-02 (dort allerdings mit dem anderen Seitenruder, da mein Hirth-Motor in die entgegengesetzte Richtung dreht). Am Seitenruder war meine Reaktion o.k., aber die Nase kam viel langsamer nach unten, als ich es gewohnt war. So drückte ich deutlich nach, um kurz darauf einen Adrenalinschub zu bekommen, da ich nun befürchteten musste, den Tragschrauber aus 3, 4 Metern Höhe auf das Bugrad zu setzen.
Achim kannte dieses Verhalten des Calidus offensichtlich besser und ließ mich schalten und walten, bis ich die Sache mit jedem Versuch besser in den Griff bekam. Ich vermute mal, wer nie einen Magni oder DF-02 geflogen ist, findet dieses Verhalten absolut normal und würde sich seinerseits über die Trägheit beim Heben der Nase und die Überagilität bei Korrekturen der Mitbewerber in diesem Geschwindigkeitsbereich aufregen.

[attachment=0]<!-- ia0 -->M-DLIX_in_EDOI.jpg<!-- ia0 -->[/attachment]
Leute! Jetzt weiß ich aus eigener Erfahrung, was POI’s (= Pilot Induced Oscillations) sind und dass es da etwas Beherztheit (und einen coolen Einweiser) braucht, sich das abzugewöhnen!

Ab 90, 100 km/h geht es problemlos weg vom Boden und hier entfaltet der Calidus all seine Stärken: Stabilität, angenehmes Cruisen, gute Performance (wenn auch nicht die 160 km/h aus dem Prospekt, zumindest nicht, wenn man die Leistung des Motors auf ein vernünftiges Maß reduziert). Der IVO-Prop muss zwar archaisch bedient werden, stellt aber keine Herausforderung dar und ist beim Reiseflug sehr angenehm. Ich genoss jede Flugminute in der Platzunde und im erweiterten Platzbereich.

Der Landkreis Oberhavel: seine Landschaft nordwestlich von Berlin mit ihrem Raster aus Alleen, Sträßchen, kleinen Kanälen und dem landwirtschaftlichen Schachbrett aus teils ausgedehnten Wiesen und Feldern scheint – bis auf ein paar eingestreute Wälder - ausschließlich aus Notlandegelegenheiten zu bestehen, und Maurice und ich werden uns wohl nie einig werden, ob in dieser schier endlosen Ebene nun Berge fehlen oder nicht! (Ich finde: schon! Aber das werden Maurice und ich wohl erst im kommenden Jahr klären können, wenn wir, wie angedacht, mit unseren Maschinen ein wenig durch Österreich fliegen werden).
Ich bin ein Pilot, der sehr gerne rausguckt, um sich an „Gottes schöner Welt“ zu erfreuen. Und was ich bei meinen Flügen rund um Bienenfarm zu sehen bekam, fällt ebenfalls in diese Kategorie.

Reinhard (er bestätigt ebenfalls meine Beobachtungen bezüglich der Flugeigenschaften des Calidus) und ich wechselten uns nicht nur am Sonntag, sondern auch montags und dienstags beim Fliegen ab. Gut so, denn trotz Heizung ist es im Calidus sehr kühl geworden und so gesehen hätte er den Namen Frigidus verdient. Ich gehe mal davon aus, dass sich hier noch technische Abhilfe schaffen läßt, denn ich freute mich zwar auf jeden Flug, aber nach 75 bis 90 Minuten auch auf jede Pause, die ich im Auto zum Aufwärmen verwenden konnte. Oder um schnell eine Fahrt in das nette (und gut geheizte) Kaffeehaus in Nauen zu unternehmen. Meine tiefste Hochachtung für Joachims Durchhaltevermögen, der von morgens bis abends im Flieger saß und uns versicherte, dass er aus den offenen Tragschraubern noch wesentlich Schlimmeres gewohnt sei.

Leider mussten wir am Dienstag gegen Mittag unsere Flüge abbrechen, denn Joachim wollte die D-MLIX noch nach Northeim überstellen, bevor die sich nähernde Schneefront eintreffen würde. Reinhard und mich rief leider die Arbeit nach Hause. Jeder Urlaub hat ein Ende. Doch: Reinhard bekommt bald seine deutsche Tragschrauberlizenz und ich kenne jetzt den Calidus!

Mein Fazit: dies war nicht mein letzter Flug zu Maurice, und auch nicht mein letzter Flug im Calidus, insbesondere, da viele meiner Freunde und Bekannte es satt haben, mir beim Fliegen im Einsitzer immer nur zuzusehen. Und für Flüge jenseits des erweiterten Platzbereiches in unseren Breiten würde ich als verweichlichter Wohlstandsmensch dem geschlossenen Calidus jederzeit den Vorzug gegenüber offenen Maschinen geben: lieber etwas schwitzen im Sommer als deutlich frieren im Winter!

Sollte jemand eine Schulung bei Joachim und Maurice in Erwägung ziehen, so kann ich euch nur raten, euch vorher mit ihnen in Verbindung zu setzen, da es ja mehr als einen Flugplatz gibt, auf dem die Schulung vorgenommen werden soll. Die Gegend ist eine Reise wert. Meine Erwartungen und die von Reinhard wurden zu 100% erfüllt.

Servus, Holger
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gyro_kai

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Sunday, December 5th 2010, 6:36pm

Re: Man kommt auf seine Kosten im „Wilden Osten“!

Hallo Holger,

vielen Dank für den netten Bericht. Macht doch echt Hunger auf mehr.

Kai.

Horst. I

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Sunday, December 5th 2010, 7:43pm

Re: Man kommt auf seine Kosten im „Wilden Osten“!

Hallo Holger

Das war ein sehr schöner Bericht. Morgen werde ich auf diesem Gerät meine Schulstunden weiter absolwieren (das Wetter muß passen). Dann kann ich meine eigenen Erfahrungen machen. Bin schon ganz heiß drauf (trotz der Kälte).

LG Horst
(der Ultraleichte)

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